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    Interview mit Ministerin Barbara Steffens zum demografischen …

    Interview mit Ministerin Barbara Steffens zum demografischen Wandel

    Barbara Steffens Ministerium MGEPA NRW Barbara Steffens

    Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen beantwortete uns in einem Interview Fragen zu Auswirkungen des demografischen Wandels. Frau Ministerin Steffens ist für das Thema Demografie in der Landesregierung federführend zuständig. Das Interview führte Klaus Weber, Bundesbeamtensekretär, ver.di.

    1. Was erwartet NRW aufgrund des demografischen Wandels?

    Eine große Herausforderung für alle gesellschaftlichen Bereiche, die nur gemeinsam zu bewältigen ist. Es wird schon bald spürbar weniger erwerbsfähige Menschen geben, gleichzeitig steigt der Anteil der über 65-Jährigen deutlich an. Wir bewegen uns also in Richtung eines zunehmenden Arbeitskräftemangels bei einer insgesamt immer älter werdenden Bevölkerung. Darauf müssen wir uns rechtzeitig einstellen, damit wir nicht in katastrophale Verhältnisse hineinlaufen. Älter zu werden darf nicht bedeuten,
    zu vereinsamen und notwendige medizinische, pflegerische und soziale Unterstützung nicht mehr bekommen zu können. Wir hoffen doch alle, dass ein Gewinn an Jahren auch ein Mehr an Lebensfreude bedeutet. Deshalb müssen wir viel stärker als bisher dafür sorgen, dass Menschen nachhaltig gesund bleiben. Für Arbeitgeber heißt das, auch weil es insgesamt weniger Arbeitskräfte geben wird und das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt: Sie müssen – am besten gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern -  die Arbeitsbedingungen noch deutlicher so gestalten, dass die Gefahr einer  körperlichen oder psychischen Erkrankung durch die Arbeit minimiert wird. Vorausschauende Betriebe investieren schon heute viel in „gesunde Strukturen“ für ihre Beschäftigten.
    Was auf uns zukommt in nackten Zahlen:  
    Die Bevölkerungszahl sinkt in Nordrhein-Westfalen: Von heute 17,8 Millionen um 11,9 Prozent auf 15,7 Millionen im Jahr 2050. Etwa ein Viertel davon werden Menschen mit Migrationsgeschichte sein. Der Anteil über 65-Jährigen wird von 20,3 Prozent auf 31,3 Prozent steigen. Der Anteil Hochaltriger (über 80 Jahre) wird besonders stark zunehmen, von 5,3 Prozent auf 14 Prozent im Jahr 2050.  
    Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird sich verdoppeln: Auf knapp eine Million bis 2050 in Nordrhein-Westfalen, davon etwa zwei Drittel Frauen. Neben den Pflegebedürftigen wird auch der Anteil der Menschen mit Behinderungen, Demenz und Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) zunehmen. Die Deckung des bestehenden und zukünftigen Fachkräftebedarfs in der Pflege wird hierbei eine wichtige Rolle spielen.
    Der Anteil von Kindern, Jugendlichen sowie von Erwerbspersonen nimmt ab: Derzeit sind etwa 19,5 Prozent unter 20 Jahre alt, 2050 werden es nur noch 15,6 Prozent sein. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (20 bis unter 65 Jahre) wird bis 2050 von 60,3 Prozent auf 53,3 Prozent zurückgehen. Das entspricht einem Rückgang von 8,3 Millionen Erwerbspersonen auf 6,6 Millionen. Dabei steigt auch der Altersdurchschnitt der Arbeitskräfte deutlich an.
    Regional verläuft die Bevölkerungsentwicklung sehr unterschiedlich: In den kreisfreien Städten Münster, Bonn, Köln, Düsseldorf, Leverkusen und Aachen sowie in den fünf Kreisen Rhein-Erft, Rhein-Sieg, Paderborn, Kleve und Gütersloh wird die Bevölkerung bis 2030 voraussichtlich noch zunehmen. In den anderen Kreisen geht sie deutlich zurück. Auch die erwarteten Altersstrukturveränderungen zeigen regional unterschiedliche Ausprägungen. Dabei werden ländliche Kreise von der demografischen Entwicklung voraussichtlich stärker betroffen sein als die kreisfreien Städte.

    2. Wie reagiert das Land auf diese Herausforderungen?
    In Nordrhein-Westfalen konzentrieren wir uns bereits darauf, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass wir den demographischen Wandel in unserem Land positiv gestalten können. Die Landesregierung hat schon etliche Projekte für eine zukunftssichere Gesellschaft auf den Weg gebracht:
    Zum Beispiel die Initiative gegen den Fachkräftemangel, den Inklusionsplan, die Landesinitiative „Kein Kind zurücklassen“, Projekte zu demographiefester Quartiersentwicklung (Masterplan Quartier), damit die Menschen möglichst lange und möglichst selbstbestimmt in ihrer vertrauten Umgebung leben können, sowie eine entsprechende Reform des gesamten Landespflegerechts.
    Mit der Einführung der Ausbildungsumlage im Bereich der Altenpflege ist es uns außerdem bereits im ersten Jahr gelungen, mehr als 2000 zusätzliche Ausbildungsplätze in der Pflege zu schaffen.
    Mit den neu eingeführten Modellstudiengängen zur Weiterentwicklung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe nimmt Nordrhein-Westfalen bei akademischen Modellstudiengängen in Pflege- und Gesundheitsfachberufen an sieben Hochschulen, in elf Studiengängen und zwei Universitäten eine klare Vorreiterrolle ein und bietet jungen Menschen Perspektiven in einer boomenden Branche.
    Darüber hinaus wird aktuell ein Landesförderplan auf den Weg gebracht, der eine verlässliche und transparente Fördergrundlage für die Kommunen schaffen soll. Das Fördervolumen wird acht Millionen Euro pro Legislaturperiode betragen.
    Um eine patientinnen- und patientengerechte Behandlung, Betreuung und Pflege von kranken und hilfebedürftigen Menschen sicherzustellen, verstärkt die Landesregierung ihr Engagement nicht nur gegen den Fachkräftemangel in Pflege- und Gesundheitsfachberufen, mit dem Aktionsprogramm ‚hausärztliche Versorgung‘ werden jährlich 2,5 Millionen Euro gegen den Ärztinnen- und Ärztemangel investiert. In verschiedenen Gremien suchen unter Moderation der Landesregierung die Akteurinnen
    und Akteure des Gesundheitswesens gemeinsam nach Wegen, das System für die Menschen zu verbessern.

    3. Worauf kommt es besonders an?
    Bisherige Aufgaben und Rollenverständnisse von staatlichen Institutionen und der Zivilgesellschaft müssen neu überdacht werden. Alle Maßnahmen und Veränderungsschritte im Gestaltungsprozess sind von den Menschen aus zu denken. Das bedeutet, dass die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen müssen. Die Mehrheit der Menschen hat den Wunsch, an einem Ort alt zu werden, der ihnen vertraut ist. Nicht nur dieser Wunsch sondern auch die erheblichen Auswirkungen auf die öffentlichen Kassen und die Sozialversicherungssysteme machen es erforderlich, auch bei Pflegebedarf ein Leben in der eigenen Häuslichkeit zu ermöglichen.
    Einer der wichtigsten Aspekte ist die Prävention. Sie kann Pflege verzögern, Lebensqualität verlängern, und Kosten sparen: Jedes Jahr werden in Nordrhein-Westfalen rund 100.000 Menschen neu in die Pflegestufe 1 eingruppiert. Wenn es uns gelingen würde, durch Prävention dies um nur einen Monat nach hinten zu verschieben, könnten jährlich rund 50 Millionen Euro an Pflegekosten gespart und statt dessen zusätzlich in Prävention investiert  werden. Deutschlandweit könnte sogar fast eine viertel Milliarde Euro pro Jahr eingespart werden. Auch bei der medizinischen Versorgung kann Prävention dazu beitragen, Lebenschancen zu erhöhen und soziale Unterschiede zu verringern. Hier gelten dieselben Kriterien: Wohnortnähe und eine gute Vernetzung. Die Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung kann sektorenübergreifendes Denken und Handeln stärken und ein menschliches Gesundheitswesen fördern.
    Da psychische Erkrankungen und neue Suchtformen zunehmen, müssen wir Antworten finden, wie wir künftig unter veränderten sozialen Strukturen und steter Beschleunigung unseren sozialen Nahraum, unser Lebensumfeld  wieder lebenswerter machen können, damit auch tatsächlich jede und jeder daran teilhaben kann, niemand vereinsamt. Gesellschaftliche Veränderungen können nur in einem gemeinsamen Prozess mit allen Beteiligten vorangebracht werden. Es wird nicht einfach, aber diese Grundlagen muss Politik schaffen. Den notwendigen Bewusstseinswandel herbeizuführen, ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

    4. Welche Folgen hat die Demografie auf öffentliche Dienste und was wird sich in deren Folge ändern?
    Die demographische Entwicklung stellt die öffentlichen Dienste vor dieselben Herausforderungen wie andere Arbeitgeber auch. Ein gravierender Punkt ist die Altersstruktur: In vielen Behörden ist schon heute der Anteil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die älter als 55 sind, höher als der Anteil der unter 35-Jährigen. Dies wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen, weil infolge des Konsolidierungszwangs häufig Stellen eingespart wurden und deshalb auch weniger Nachwuchs eingestellt werden konnte. Das Problem, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen, wird sich für die öffentlichen Arbeitgeber ebenfalls vergrößern, weil es schlichtweg weniger junge Menschen geben wird.
     
    5. Was ist von Seiten der Kommunen und der Landesverwaltung zu tun?
    Kommunen und Landesverwaltung - aber auch der Bund – müssen darauf auf die sich veränderte Situation reagieren. Das tun sie auch bereits, beispielsweise durch verstärktes Gesundheitsmanagement, durch konkrete Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordrhein-Westfalen werden Beschäftigte sowohl bei der Suche nach einem Betreuungsplatz für Kinder als auch für pflegebedürftige Angehöre tatkräftig unterstützt. Zum betrieblichen Gesundheitsmanagement gehören nicht nur Fitnessprogramme, sondern auch Angebote für Mitarbeiterinnen und  Mitarbeiter, die psychologische Unterstützung benötigen.
    Ein anderer Punkt: Wichtig ist auch ein Wissensmanagement. Verwaltungen müssen dafür sorgen, dass trotz Ausscheiden erfahrener Beschäftigter wertvolles Wissen erhalten bleibt. Auch wird die öffentliche Verwaltung  sicherlich noch offensiver Personalmarketing betreiben und dabei die Vielfalt und Attraktivität der Beschäftigungsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst stärker herausstellen müssen. Flexible Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, auch von Pflege und Beruf, Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sind nur einige Stichworte. Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan.

    6. Bedarf es nicht einer bundesweiten Initiative?
    Ja, selbstverständlich bedarf einer bundesweiten Initiative. Zwar hat die Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode eine „Politik für alle Generationen“ ausgerufen und öffentlichkeitswirksame Kongresse veranstaltet. Die heikelsten Themen von bundesweiter Bedeutung blieben allerdings ausgespart: Beispielsweise  wie die Sozialsysteme in einer alternden Gesellschaft bezahlt werden sollen, wie künftige Generationengerechtigkeit gewährleistet werden und wie und ob der Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse aufrechterhalten werden kann.
     
    7. Muss eine neue Bundesregierung sich um den demografischen Wandel kümmern? 8. Soll der begonnene Prozess fortgesetzt werden?
    Daran führt kein Weg vorbei. Die Folgen durch den demographischen Wandel sind schon seit langem deutlich abzusehen, darauf muss sich die Gesellschaft dringend einstellen. Dies ist eine der ganz zentralen Herausforderungen an den Bund. Eine neue Bundesregierung muss mit den Ländern gemeinsam neue tragfähige Konzepte für die Gesellschaft der Zukunft entwickeln. Alleine können Länder und Kommunen das nicht schaffen.